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E10: Meinungsmache statt Information

Wie unsere bisherigen Analysen der Informationspolitik zeigen, ist es alles andere als verwunderlich, dass die Einführung des Kraftstoffgemischs »E10« in der Bundesrepublik kommunikativ auf ganzer Linie gescheitert ist.


Mit einer einzigen Ausnahme, nämlich dem Allgemeinen Deutschen Automobil-Club (ADAC), kann die Kommunikation von keinem einzigen der Akteure überzeugen. 13 von ihnen haben es im Hinblick auf die von uns analysierten vier Kriterien immerhin noch ins Mittelfeld geschafft. Besonders schwach ausgeprägt war die Bereitschaft, sich auf einen öffentlichen Dialog mit den Verbrauchern einzulassen (Kriterium Interaktion), etwa durch Diskussionen im Rahmen von Fragen und Antworten (FAQ / Q&A) oder im Rahmen von Live-Chats oder Blogs. Mit Ausnahme des ADAC und des VCD sowie der SPD auf Bundesebene fehlten Möglichkeiten der Interaktion nahezu komplett. Allein über die Verträglichkeit des Treibstoffs für einzelne Fahrzeugmodelle zu informieren, wie dies die meisten Hersteller taten, hat offensichtlich nicht ausgereicht, um Vertrauen bei den Verbrauchern zu schaffen.

Präsentation der Zwischenergebnisse in München

Dass die Parteien, insbesondere die der Opposition auf Bundesebene, im Web gar nicht erst den Versuch unternommen haben »aufzuklären«, sondern gleich „Politik machten“, mag wenig verwundern. Vor allem SPD und LINKE haben dabei Kritik und politische Agitation mit der Bürger-Information vermischt, während sich die GRÜNEN um etwas mehr Ausgewogenheit bemüht, dabei allerdings ebenfalls vorrangig für die eigene Position gekämpft haben. Dem gegenüber haben die Parteien und Fraktionen der Regierungs-Koalition zwar ausgewogener argumentiert, dafür aber von vornherein deutlich weniger Anstrengungen unternommen, die Öffentlichkeiten überhaupt umfassend zu informieren. Erstaunlicherweise verwies nur eine einzige der zehn untersuchten Parteien bzw. Fraktionen per Link auf die Informationsangebote der Deutschen Automobil Treuhand (DAT). Links zu den Informationen des Bundesumweltministeriums hat die Politik auf ihren Hauptseiten offenbar in keinem einzigen Fall gesetzt.


Nicht weniger viel »Politik« machten die meisten Lobbyverbände, wie etwa der Bundesverband mittelständischer Mineralölunternehmen (UNITI), der Naturschutzbund Deutschland (NABU) oder der Verkehrsclub Deutschland (VCD) auf der Seite der E10-Gegner bzw. der Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie (VDB), der Bundesverband der deutschen Bioethanolwirtschaft (BDBe), der Verband der Automobilindustrie (VDA) oder der Bundesverband Freier Tankstellen und Unabhängiger Deutscher Mineralölhändler (bft) auf der Seite der E10-Befürworter. Im Selbstverständnis all dieser Verbände scheint Lobbyismus nicht mit sachlich abwägender Information vereinbar zu sein. Die Vermutung liegt deshalb nahe, dass dieses öffentlich ausgetragene Duell der Dogmen eher zur Verunsicherung der Bürger beigetragen hat. Dass sich Ausgewogenheit und klares Meinungsbild nicht unbedingt ausschließen müssen, zeigte lediglich der Bundesverband deutscher Bioethanolwirtschaft und wie gesagt vor allem der Spitzenreiter ADAC.

In der Gruppe der Tankstellenbetreiber boten OMV, SHELL und AVIA die meisten Informationen, wobei OMV kaum um eine anschauliche Vermittlung bemüht war.

In der Gruppe der Fahrzeughersteller überzeugt die Kommunikation von VW, SEAT, HYUNDAI, TOYOTA und FIAT einigermaßen. Schlusslichter sind nach aktuellem Stand der Analyse die Hersteller AUDI, NISSAN, CITROEN, VOLVO, SUZUKI und HONDA.

Der Umfang der Online-Informationen variierte extrem – zwischen 38 und 4.772 Wörtern, wobei die Verbände mit Abstand die meisten Informationen veröffentlichten.


 

Studiendesign: Ausgewertet haben wir die öffentlich zugänglichen Informationen zu „E10“ auf den Internetpräsenzen der größten Tankstellenbetreiber (n=10) und Fahrzeughersteller (n=21), der im Bundestag vertretenen Parteien und Fraktionen (n=10) sowie der 15 Automobil- und Mineralölverbände in Deutschland. Für die Blitzstudie wurde bisher noch nicht die Berichterstattung der Massenmedien oder der Sozialen Medien ausgewertet, ebenso wie eventuelle Aktivitäten am Point of Sale.

Quantitative Kriterien, anhand derer die Online-Kommunikation verglichen wurde, umfassten die allgemeine Verfügbarkeit von Informationen über E10, deren Umfang sowie das Vorhandensein und den prozentualen Anteil einer „FAQ“, die Verwendung von Anschauungsmaterialien (Schmuckbilder, Illustrationen, Erklärvideos). Darüber hinaus wurde auch der direkte Verweis auf die Informationen von DAT und BMU berücksichtigt und die Frage, in wie weit Verbraucher die Möglichkeit zur Interaktion mit dem jeweiligen Akteur hatten. Darauf basierend wurde im Rahmen einer qualitativen Inhaltsanalyse von insgesamt knapp 60.000 Wörtern die Argumentationsstruktur der einzelnen Informationsangebote analysiert. Alle Akteure wurden vergangene Woche über unsere Analyse schriftlich informiert und hatten bzw. haben noch die Gelegenheit, evtl. nicht gefundene oder nicht berücksichtigte Online-PR-Materialien mitzuteilen. Evtl. Rückfragen bitte direkt an die Geschäftsstelle des Forschungszentrums.Rohdaten auf Anfrage.